Adieu

 

Das Wispern und Raunen in den Büros verstummte, müde Schritte auf den Fluren entfernten sich, wo der Kunststoffbelag übergeht zu Steinfliesen tönte das Tapsen noch einmal etwas lauter an mein Ohr, auf den Treppenstufen war es kaum noch zu hören. Noch einer der geht, dachte ich, dann war es still. Ein Fenster stand offen und mit dem Zigarettenrauch schienen sich auch die wabernden Wortfetzen zu verflüchtigen, schleimten die Gerüche der Partygäste die Wände entlang, verkrochen sich in die Kabelschächte oberhalb der abgehängten Decke, so als würden sie hier bis zum Morgen warten. Ich starrte auf die Wände meines Büros, auf die Fotos und Plakate aus meinem Leben in diesem Sender. Drei Jahrzehnte. Unvorstellbar diese Zeit, diese endlose Reihe von Stunden und Tagen und Monaten und Jahren, verflogen wie die Tausende von Sendungen, abgeschickt und nie wiedergekommen, meistens gar nicht angekommen, verrauscht im verstörten Äther, elektronisch moduliert, lästige Störungen im Gefüge der Sauerstoffmoleküle. Nichts zum atmen, gestört durch feindliche Frequenzen, verzerrt, entzerrt, empfangen, verstanden, vergessen. Was an diesen Strom zu elektrischer Energie verdichteter Sprache erinnerte verstaubte in Archiven, schmorte in ein paar Ordnern mit vergilbten Manuskripten zu Hause, eigentlich reif für den Müllschlucker, nur noch gut, mir ein paar nostalgische Stunden zu schenken. Wenn ich tot war, würden die Kinder sie entsorgen. Sie blättern dann noch einmal, sagte ich zu mir und erschrak über die eigene Stimme, machen sich die Finger dreckig, ziehen den Staub in die Nase und müssen niesen. Hat-schiiii. Doch, ich musste wirklich niesen. Jemand lief auf dem Flur mit hastigen Schritten vorbei, die Tür stand offen. Ob mich meine Leute die letzten Monate für verrückt gehalten hatten? Sonderlich vernünftig war mir das Wechselbad zwischen Euphorien, was ich alles machen würde, wenn.... und der Niedergeschlagenheit aus dem gleichen Grund nicht vorgekommen. Alter Mann, geh, sagte ich mir immer, mach’s kurz. Es bleibt eh nichts übrig. Glaube es mir:  Nichts.

Eine schöne Party war das gewesen. Das Bier schäumte, Sekt floss in Strömen, roter und weißer Wein panschte in den Gläsern, die Gabeln klapperten auf den Tellern Flur auf, Flur ab, auf diesem Flur auf der „politischen Etage“. Wo sich sonst die ausgestreuten Gerüchte über die Auslegware von Zimmer zu Zimmer wie Nattern schlängelten, wo an die Wand gelehnte Journalie ein feines Netz spann, feierten die Kolleginnen und Kollegen den Ausstand ihres „Goldi“, dieses sanften Herzchens mit der Quasselstrippe, dieses Geschichtenerzählers und Leiters einer ruhmreichen „Aktuellen Abteilung“. Das war ich. Auch für mich nicht mehr nachvollziehbar, wie aus dem abiturlosen, schmächtigen Jüngling, der sich am Anfang seiner beruflichen Laufbahn als Lehrling in der Holzhandlung seines Onkels die ersten Beulen und Nackenschläge einfing, ein - wie der Chefredakteur diesen Nachmittag und Abend eingeleitet hatte - allseits „zwar nicht nur geliebter, wer kann das schon erwarten?, aber doch von allen respektierter, ja auch jung gebliebener Redakteur“ geworden war, offiziell „Erster Redakteur und Leiter der Zentralredaktion“, fast Endstufe I. Es stimmte, ich ging ziemlich sorglos in den Vorruhestand.

Ich steckte mir eine Zigarette an und macht das Fenster auf. Es zog. Der Rauch trieb in sanften Wellen durch den Raum, beschrieb geisterhafte Bögen, kräuselte sich wieder zusammen und schlüpfte durch die Tür ins Sekretariat. Ich kramte die letzten Papiere auf dem Schreibtisch zusammen, stopfte sie unsortiert in eine große Aktentasche. Das war’s dann also. In ein paar Tagen würden die Maler die Wände weißen, meine Sekretärin Lundi müsste dreimal die Hausverwaltung anmahnen, den abgenutzten Fußbodenfilz zu säubern. Dann könnte der Nachfolger wie ich jetzt die Beine auf eine herausgezogene Schublade legen und von seiner Karriere träumen. Ein Nachfolger? Wenn’s ihn denn gäbe. Nichts war sicher auf dieser Etage. Neue Leute, neues Programm, neue Intrigen. Die Hierarchie regierte mit Zeitverträgen. Die Alten waren gegangen, gingen wie ich oder würden wohl bald gegangen werden, die Jungen machten missmutige Gesichter. „Das ist längst nicht mehr das, was es einmal war“, hörte ich den Altkollegen Otto aus der Literatur in sein Weinglas husten, und in Gedanken hinzufügen „Ein bisschen mehr könnte es aber schon sein“! Wahrlich, wahrlich. Etwas ging zu Ende in diesen Räumen, war wohl schon längst zu Ende gegangen, lebte nur noch als künstlich ernährter Kadaver weiter. Es kam mir vor, als hielte ich Totenwache, als würde ich darauf warten, dass sich der von den Alten geliebte und oft angerufene „Geist des Hauses“ endlich lösen konnte von seinem Körper, sich empfahl wie der Rauch meiner Zigarette. Ich drückte sie aus und stellte mich ans Fenster. Die grellweiße Bemalung unseres großen Ü-Wagens auf dem Hof leuchtete mir entgegen. Eine Schande, dachte ich, warum bloß haben sie das warme, dunkle RIAS-Blau übermalt?

Geschichten spulten ab in meinem Kopf, endlose Meter Erinnerung, Szenen, Gestalten, Ereignisse, grotesk bis heiter, bitter bis übelriechend, menschlich allemal. Noch zögerte ich, den Schlüssel zu nehmen und zu gehen. Wenn ich ihn unten beim Pförtner durch den Schlitz in seiner Scheibe schieben würde, wäre es das letzte Mal.

Melancholisch stimmte mich an diesem Tag nur die letzte, meine letzte „Politische Sitzung“. Im Kasino-Nebenraum, nicht mal im großen Konferenzsaal. Da tagte irgendein Gremium der ARD. Ich hätte hier schon Schnaps ausschenken sollen, oder wenigsten Kaffee. Aber so saßen wir trocken an den Tischen, spulten die alte Leier ab, wer was wann wie machen würde, Hanno ließ ein Papier zirkulieren, auf dem alle „für den Goldi“ unterschreiben sollten. Dann ein paar Sätze von ihm, die ehrlich klangen, aber nicht sehr persönlich waren. Schließlich die Bemerkung: „Damals hast Du Rundfunkgeschichte geschrieben“. Damals, in den Sechzigern, beim Jugendfunk, als wir die Welt neu erfanden, auch den Rundfunk, als die Studenten revoltierten, als die Beatles noch als Schade der abendländischen Kultur galten und die Stones in den Ohren unseres Programmdirektors „Musik für Schwachsinnige und Debile“ machten. Damals. Als wir in Vietnam den ersten Krieg auf der Mattscheibe erlebten und ich auf einem Campingplatz bei Venedig in Tränen aufbrach, als der Warschauer Pakt in Prag junges, frisches politisches Gemüse zertrampelte. Ach Biermann, dachte ich, was ist aus unserem „Dritten Weg“ geworden? 

Die Kollegen hatten mich rührend verabschiedet. Es ist ja immer so, aber ich war trotzdem nicht darauf gefasst gewesen, dass sie ein Band abspulten. Claus musste nächtelang geackert haben. Ich höre meine Stimme durch den Flur hallen: „Es ist 7.45 Uhr - Musik bitte - und noch eine Meldung“. Mir sträuben sich die Nackenhaare. Eine der scheußlichsten Erinnerungen. Frühprogramm - und ich als „Moderator“. Das war nicht mein Bier, morgens munter sein und gute Laune verbreiten. Und unsicher war ich. Versprecher en Gros. Sicher hatte ich auch Fans, wer hat die nicht? Was für das versammelte Völkchen klingen musste wie ein gut gelungener Gag kam mir vor wie eine letzte Grausamkeit, Natürlich war das Journalismus vom Feinsten mit diesen leichtfüßigen literarischen Schmiß, an dem man die Handschrift von Claus erkennen konnte. Ich hatte schallend gelacht. Matthias aus Bonn, witzig, komisch. RADIO HGGL - Äitschdabbeldschjiel, seine Erfindung. Von Kohl bis Scharping machten alle ihre Aufwartung. Und der Kollege Scholl. Triefende Ironie, toll geschrieben. Das war Labsal für meine Seele. Und Lundi mit ihrer Kommandostimme. Aber sonst? War ich dieses fremde Wesen auf dem Band? Und es fehlten zwei Jahrzehnte: der Treffpunkt, die Jahre der Ernst-Reuter-Preise, die Feature und Feuilletons, die endlosen Nächte am Mikrofon. Die sie kannten, vielleicht sogar gehört hatten, waren längst gegangen, viele unter die Erde. So ist das eben. Verflogen, verweht. Es war nicht mehr meine Zeit. Was soll’s, dachte ich und langsam wurde mir kalt.

War ich überhaupt dabei gewesen - bei meiner Party? Oder stand ich schon im Abseits, daneben? Wo getuschelt wurde an diesem Abend, gehörte ich schon nicht mehr dazu. Und deshalb war man ja gekommen. Der Flurfunk brauchte Futter. Manne haute mich an: „Wie geht’s denn alter Junge?“. Er ist jetzt Politikchef bei den Brandenburgern. Gab mir seine Karte. „Wenn de was für mich hast“. Alle schwappten natürlich über vor Freundlichkeit. Rührseliges Drücken, hier und da ein Kuss auf die Backe. Umarmungen. „Und Du willst wirklich gehen?“ - lachen. „Die Gnade der frühen Geburt“, immer wieder dies abgeschmackte Kanzlerwort. Aber wie ich so da stand mit meinem Rotwein, glaubte ich immer fester daran, kam ich mir vor wie ein abgehängter Güterwagen. Sahen sie mich so? Ich fühlte anderes: einen Hauch von Freiheit. Ich hätte singen mögen oder Pfeifen, wie vor Tagen, als ich angesichts der wenigen Stunden, die ich noch „festangestellt“ war, trällernd das Haus betreten hatte. Schon im Eingang traf mich der forschende Blick eines Kollegen. „Bist Du krank?“ fragte er mich skeptisch. Also schwieg ich lieber.

Was blieb an menschlichen Zwischentönen aus diesen 32 Jahren übrig? Wenig Nachhall. „Adieu“, murmelte ich, ließ die Beine auf den Boden fallen, schubste die Schreibtischschublade mit dem Knie zu und griff nach meiner Tasche. Sorgfältig verschloss ich die Bürotür, obwohl es nichts mehr zu verschließen gab, und schlenderte über den Flur zum Treppenhaus. Quietschend schoben sich die Fahrstuhltüren zur Seite und ein Kollege der Nachrichten blinzelte mir entgegen. Aha, dachte ich, die Frühschicht fängt an, sah auf meine Uhr und erinnerte mich mit Schrecken daran, dass ich zu Hause seit mindestens fünf Stunden überfällig war. Na, ja, auch das würde nun aufhören, diese vertrödelten Abende.

Der Pförtner blicke kaum auf von seiner taufrischen Zeitung, als ich ihm den Schlüssel zuschob. Draußen begann der Tag zu dämmern. Im Volkspark zwitscherten die Vögel. 

 H.-G. Goldbeck-Löwe

Oktober 1994

Kontakte und Bestellungen: edition@goldbeck-loewe.de oder H.- G. Goldbeck-Löwe, Falkenhausenweg 39, D-12249 Berlin

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